Es gibt Sätze, die sind so nett gemeint, dass man sich eigentlich gar nicht darüber aufregen dürfte.
„Bleib so, wie du bist!“
Mei, lieb.
Aber dieser Satz geht mir schon seit Jahren auf den Keks.
Natürlich weiß ich, wie er gemeint ist. Du bist ein sympathischer Mensch, wir mögen dich, du bist uns ans Herz gewachsen und wir hoffen inständig, dass du dich nicht eines Tages zu einem kompletten Vollkoffer entwickelst.
So weit, so gut.
Aber jetzt nehmen wir diesen Satz einmal ernst. Nur so ein bisserl.
Bleib so, wie du bist.
Wirklich?
Ein Gärtner, der nicht ganz dicht ist
Stell dir einen Gärtner vor, der einen Tomatensamen in die Erde steckt. Und zwar keinen x-beliebigen. Eine wunderschöne alte Sorte, vielleicht eine mit einer ungewöhnlichen Farbe, die man im Supermarkt kaum findet und die tatsächlich noch nach Tomaten schmeckt.
Allein das ist heutzutage schon eine Erwähnung wert.
Unser Gärtner pflanzt also seinen Samen ein, gießt ihn liebevoll und sagt zu ihm:
„Bleib so, wie du bist!“
Na servas.
Da kannst gleich die Gießkanne einpacken und heimgehen.
Natürlich will er nicht, dass sein Tomatensamen für immer ein Tomatensamen bleibt. Er freut sich, wenn das erste zarte Pflänzchen aus der Erde schaut.
So klein! So grün! So herzig!
Aber stell dir vor, jetzt sagt er wieder: „Bleib so, wie du bist!“
Geh bitte!
Er will doch, dass die Pflanze weiterwächst. Dass sie kräftig wird, Blüten bekommt und irgendwann diese wunderbaren Tomaten hervorbringt, wegen denen er sich überhaupt erst die Mühe gemacht hat.
Und wenn die Früchte besonders gut geworden sind, hebt er vielleicht sogar die Samen auf, damit im nächsten Jahr wieder etwas daraus wachsen kann.
Was wäre denn das für ein Gärtner, der sich über die ersten beiden Blätter so sehr freut, dass er die Pflanze bittet, gefälligst mit dem Wachsen aufzuhören?
Und jetzt stell ich mir eine Frage.
Warum wünschen wir Menschen einander eigentlich genau das?
Was steckt denn alles in dir?
Ich bin der Überzeugung, dass wir oft nicht einmal ansatzweise wissen, was alles in uns steckt.
Welche Talente wir haben. Welche Fähigkeiten darauf warten, entdeckt zu werden. Was wir mit unserem Geist, unserem Hirn und unseren Händen alles anfangen könnten.
Und ich frage mich, wie viele dieser Möglichkeiten wir überhaupt nie entdecken, weil uns irgendjemand irgendwann eingeredet hat, dass wir etwas nicht können.
Vielleicht haben wir es sogar selbst geglaubt.
Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, dass jetzt jeder krampfhaft aus sich das Maximum herausholen muss.
Noch erfolgreicher. Noch schöner. Noch produktiver. Und am besten vor dem Frühstück schon drei Weltrekorde gebrochen.
Na, danke.
Ein Tomatensamen muss schließlich auch nicht versuchen, eine Gurke zu werden.
Ich meine etwas ganz anderes.
Entdecke doch einmal, was in dir steckt!
Fang an, dich selbst kennenzulernen. Mit deinen Talenten, deinen Eigenheiten und all dem, was dich ausmacht.
Nimm deinen Geist ernst. Benutz dein Hirn. Und dann kommen wir zu deinen Händen.
Die sind nämlich nicht ausschließlich dafür konstruiert worden, dass du sie in den Hosentaschen vergräbst.
Mach was! Probier was aus! Trau dich, etwas zu lernen, etwas zu gestalten, etwas zu erschaffen.
Vielleicht entdeckst du dabei etwas, von dem du bisher nicht einmal geahnt hast, dass du es kannst.
Und was fangst jetzt damit an?
Jetzt könnte die Geschichte natürlich hier enden.
Du hast deine Talente entdeckt. Du bist deinen Weg gegangen. Du hast Erfolg, Anerkennung und vielleicht sogar ordentlich Kohle gemacht.
Gratuliere!
Aber irgendwie fehlt mir da noch etwas.
Denn was wäre, wenn wir unsere Fähigkeiten nicht ausschließlich dazu verwenden würden, selbst möglichst viel davon zu haben?
Was wäre, wenn wir entdecken, wie viel Freude es machen kann, mit dem, was wir können, etwas Schönes zu schaffen? Etwas, worüber sich ein anderer Mensch freut. Etwas, das jemandem hilft.
Einfach, weil wir es können.
Ohne vorher auszurechnen, was dabei für uns herausspringt.
Ich bin nämlich davon überzeugt, dass wir Menschen zu etwas fähig sind, das weit über unseren persönlichen Vorteil hinausgeht.
Wir können geben.
Wir können füreinander da sein.
Wir können uns sogar hingeben, ohne ständig darauf zu schielen, was wir dafür zurückbekommen.
Und genau dort entdecke ich etwas, das für mich zu den edelsten Fähigkeiten des Menschen gehört: die Liebe.
Nicht bloß ein schönes Gefühl. Nicht irgendein romantischer Zustand, der sich bei geeigneter Hintergrundmusik einstellt.
Sondern eine Liebe, die etwas tut. Die schöpferisch wird. Die aus unseren Fähigkeiten etwas hervorbringt, das über uns selbst hinausreicht.
Vielleicht ist das ja eine der schönsten Möglichkeiten, die in uns Menschen angelegt sind.
Und vielleicht entdecken wir auf diesem Weg noch viel mehr.
Wer weiß?
Aber eines möchte ich dir heute jedenfalls nicht wünschen.
Bleib bloß nicht so, wie du bist!
Ich wär nämlich schon verdammt neugierig, was aus dir noch alles werden könnte.
