Wir bringen unseren Kindern bei, sich zu entschuldigen. Die schwierigere Übung ist, uns bei ihnen zu entschuldigen.

„Was sagt man da?“

Das wissen wir ziemlich genau, solange der andere etwas verbockt hat. Dann erwarten wir Einsicht. Eine Entschuldigung. Und bitte eine, die auch so gemeint ist.

Wenn wir selber dran sind, fällt uns vorher meistens noch eine Erklärung ein.

Es war viel los. Wir waren müde. Und außerdem: Hätte das Kind gleich gehört, hätten wir ja gar nicht laut werden müssen.

Interessant, was uns alles einfällt, bevor wir sagen: „Das war nicht in Ordnung von mir.“

Dabei könnte genau da etwas anfangen, das mir in unseren Diskussionen über Bildung oft zu kurz kommt.

Herzensbildung.

Das klingt vielleicht ein bisschen nach einem Wort, das die Großmutter verwendet hat. Aber schauen wir einmal hin, was dahintersteckt.

Geduld. Ausdauer. Nächstenliebe. Die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten. Einzugestehen, dass man falschgelegen ist. Sich zu entschuldigen. Etwas wiedergutzumachen. Und einem anderen auch wirklich zu vergeben.

Ziemlich grundlegende Dinge eigentlich.

Nur: Wo lernen wir sie?

Gescheit sein ist noch nicht alles

Wir machen uns viele Gedanken darüber, was unsere Kinder wissen und können sollen. Das ist wichtig. Natürlich sollen sie etwas lernen, Fähigkeiten entwickeln und mit ihrem Leben etwas anfangen können.

Aber ich frage mich, ob wir manchmal hoffen, dass aus genügend Wissen und Expertise schon automatisch ein guter Mensch herauskommt.

Einer, der gescheit reden kann, muss noch lange nicht zuhören können. Und wer seinen Standpunkt hervorragend begründet, hat damit noch nicht gelernt, einen Fehler einzugestehen.

Du kannst recht haben und trotzdem lieblos mit jemandem umgehen.

Auch das will gelernt sein: Was mache ich mit meinem Wissen, meinem Können, meiner Stärke? Dienen sie nur dazu, dass ich mich durchsetze? Oder kann ich damit auch einem anderen helfen?

Das sind für mich Fragen der Bildung. Sie betreffen, wie wir leben.

Daheim wird es konkret

Die Familie ist das erste Milieu, in dem Kinder Zusammenleben erfahren. Lange bevor sie erklären können, was Geduld ist, erleben sie, ob jemand Geduld mit ihnen hat.

Und irgendwann müssen sie selber warten.

Weil gerade ein anderes Kind etwas braucht. Weil sich nicht alles um den eigenen Wunsch dreht. Weil da noch Menschen sind, die auch müde werden, Hunger haben und gehört werden möchten.

Das kann durchaus anstrengend sein. Für alle Beteiligten.

Da wird gestritten. Einer wird ungerecht. Einer zieht sich zurück. Und manchmal merkt man erst hinterher, dass man gerade ziemlich daneben war.

Die entscheidende Frage ist dann: Was machen wir jetzt damit?

Tun wir so, als wäre nichts gewesen? Muss der Schwächere nachgeben, damit endlich Ruhe ist? Oder können wir zurückkommen und sagen: „Entschuldige. Das war ich. Ich habe dir wehgetan.“

Und bleibt es bei dem Satz? Oder bemühen wir uns auch, etwas zu ändern?

Das meine ich mit tätiger Reue. Wenn ich etwas verbockt habe, übernehme ich Verantwortung dafür. Ich versuche, es wiedergutzumachen.

Genauso ernst meine ich Vergebung. Einen Fehler nicht bei der nächsten passenden Gelegenheit wieder hervorholen. Dem anderen einen neuen Anfang zugestehen.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, Verletzungen zu verschweigen oder alles weiter hinzunehmen. Was falsch war, darf benannt werden. Gerade damit sich etwas ändern kann.

Darum ist Familie so wichtig

Wenn ich von einer intakten Familie spreche, meine ich eine Familie, in der Beziehungen tragen. In der Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und Kinder Halt finden.

Ein gemeinsamer Nachname allein erledigt das noch nicht.

Und ein Streit bedeutet nicht gleich, dass alles kaputt ist. Entscheidend ist auch, ob wir wieder zueinanderfinden. Ob wir an unseren Beziehungen arbeiten und uns Hilfe holen können, wenn wir alleine nicht weiterkommen.

Diese Intaktheit ist kostbar. Sie verdient Schutz und Pflege.

Deshalb sollte sich eine Gesellschaft ernsthaft dafür interessieren, wie es ihren Familien geht. Ob Eltern Zeit und Kraft für ihre Kinder haben. Ob sie Unterstützung bekommen, wenn sie überfordert sind. Ob Hilfe erreichbar ist, bevor Beziehungen völlig zerbrechen.

Wir erwarten Menschen, die Rücksicht nehmen, Verantwortung tragen und mit Konflikten umgehen können. Dann sollten wir auch den Ort stärken, an dem sie das zuerst erfahren und einüben können.

Und wir Eltern dürfen bei uns anfangen.

Wir müssen unseren Kindern nicht vorführen, dass wir alles können und immer recht haben. Sie dürfen erleben, dass auch wir noch lernen.

Manchmal beginnt das mit einem Satz, den wir ihnen längst beigebracht haben.

Jetzt wären wir selber dran.