Jetzt hab ich also einen Blog.
Noch einer, der glaubt, der Welt unbedingt seine Gedanken mitteilen zu müssen. Als hätten wir davon nicht ohnehin schon genug.
Und weil ich meine Gedanken nicht ausschließlich mit mir selbst teilen möchte – das wäre auf Dauer auch eine ziemlich einseitige Unterhaltung –, werde ich mich wohl früher oder später auch auf Social Media herumtreiben.
Na servas. Ein Philosoph auf Followerjagd.
Und natürlich stellt sich irgendwann die Frage: Warum machst du das eigentlich?
Willst du berühmt werden? Reich vielleicht? Ein erfolgreicher Influencer, der eines Tages seinen Followern erklärt, welches Nahrungsergänzungsmittel ihnen noch zum vollkommenen Glück fehlt?
Mei, wenn ich mit meinen Gedanken irgendwann ein bisserl Kohle verdiene, werde ich mich nicht gleich dagegen wehren.
Aber darum geht es mir nicht.
Ich denke nämlich sowieso.
Ob du mir zuhörst oder nicht. Ob ich tausend Leser habe oder drei. Meine Gedanken sind da. Sie beschäftigen mich, manchmal begeistern sie mich und gelegentlich lassen sie mir einfach keine Ruhe.
Und ich habe den Drang, sie zu teilen.
Einfach so.
Aber jetzt kommen wir zu einer Frage, die mich schon wesentlich länger beschäftigt.
Und was springt dabei für mich heraus?
Ist dir schon einmal aufgefallen, wie oft wir unser Handeln danach beurteilen, welchen persönlichen Vorteil wir daraus ziehen können?
Was bringt mir das?
Was habe ich davon?
Was springt für mich dabei heraus?
Dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden.
Wenn ich mir ein Auto kaufe, interessiert mich natürlich, ob es mich zuverlässig von A nach B bringt. Wenn ich irgendwo arbeite, werde ich mich vermutlich auch dafür interessieren, ob am Monatsende etwas auf meinem Konto landet.
Ich habe schließlich auch eine Familie zu ernähren.
Aber was passiert eigentlich, wenn diese Denkweise zu unserem grundsätzlichen Lebensmodus wird?
Wenn wir anfangen, nicht nur wirtschaftliche Entscheidungen, sondern auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen danach auszurichten, was sie uns bringen?
Warum pflege ich eine Freundschaft?
Warum helfe ich meinem Nachbarn?
Warum verbringe ich Zeit mit jemandem?
Und wie verhalte ich mich gegenüber einem Menschen, von dem ich mir absolut nichts erwarten kann?
Gar nichts. Nicht einmal ein kleines Dankeschön.
Geh, zahlt sich das dann überhaupt noch aus?
Bei solchen Überlegungen wird mir ehrlich gesagt ein bisserl anders.
Eine Welt voller persönlicher Vorteile
Stell dir vor, jeder Mensch würde bei allem, was er tut, zuerst seinen persönlichen Nutzen berechnen.
Jede Beziehung, jede Gefälligkeit, jede Begegnung.
Du möchtest mit mir befreundet sein? Na gut. Was bringst mit?
Du brauchst meine Hilfe? Moment, da muss ich erst nachrechnen.
Vielleicht übertreibe ich gerade.
Hoffentlich sogar.
Aber ich frage mich ernsthaft, wie viel von unserem Zusammenleben übrig bliebe, wenn wir uns nur noch an unserem eigenen Vorteil orientieren würden.
Und vor allem: Wie glücklich wären wir dabei?
Wenn alles, was ich tue, immer irgendwie auf mich selbst zurückführen muss, dann werde ich doch irgendwann zum Mittelpunkt meines eigenen Universums.
Ein verdammt kleines Universum übrigens.
Ich bin der Überzeugung, dass wir hier eine Fähigkeit vernachlässigen, die zu den edelsten gehört, die wir Menschen überhaupt besitzen.
Die Fähigkeit zur Hingabe.
Hingabe. Was für ein altmodisches Wort!
Wann hast du das letzte Mal etwas für jemanden getan, ohne dir auch nur einen Augenblick Gedanken darüber zu machen, was du dafür zurückbekommst?
Einfach, weil du Freude daran hattest.
Weil du jemandem etwas Gutes tun wolltest.
Weil dir dieser Mensch wichtig ist.
Genau diese Fähigkeit meine ich.
Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ohne Hingabe gibt es für mich keine Liebe.
Denn was wäre das für eine Liebe, die sich ausschließlich danach richtet, welchen Vorteil mir der andere bringt?
Solange du mir etwas bieten kannst, liebe ich dich. Und wenn nicht mehr?
Na, gute Nacht.
Jetzt kommt wahrscheinlich gleich der Einwand: Geben ist seliger denn Nehmen.
Ja eh.
Aber auch da müssen wir ein bisserl aufpassen.
Vom Geben und Nehmen
Es gibt nämlich Menschen, die können offensichtlich nur nehmen.
Und dann gibt es Menschen, die glauben, sie dürften unter keinen Umständen etwas annehmen.
Die geben und geben, bis irgendwann nichts mehr übrig ist. Und selbst dann haben sie noch ein schlechtes Gewissen, wenn ihnen jemand etwas Gutes tun möchte.
Ich frage mich, ob nicht beides ein gestörtes Verhältnis zum Geben und Nehmen ist.
Denn zur Liebe gehört doch auch, dass ich mir etwas schenken lassen kann.
Dass ich Hilfe annehmen darf.
Dass ich nicht immer derjenige sein muss, der alles im Griff hat und für alle anderen da ist.
Hier fällt mir die alte Tugend der Mäßigung ein.
Ein Begriff, mit dem wir heute vielleicht nicht mehr besonders viel anfangen können. Dabei beschäftigt mich gerade diese Frage: Wie finden wir ein vernünftiges Maß, das uns weder zum Egoisten macht noch dazu führt, dass wir uns selbst vollständig aufgeben?
Ich denke dabei auch an Benedikt von Nursia und seine Lebensweise, die von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen unterschiedlichen Anforderungen geprägt war.
Vielleicht müssten wir uns mit diesen alten Gedanken wieder etwas intensiver beschäftigen.
Aber zurück zu meiner ursprünglichen Frage.
Warum gibt es also diesen Blog?
Ich habe den Eindruck, dass wir uns mittlerweile dermaßen viele belanglose Inhalte in unsere Köpfe stopfen, dass für eigene Gedanken kaum noch Platz bleibt.
Noch ein Short. Noch ein Reel. Noch jemand, der uns erklärt, was wir unbedingt kaufen müssen, damit unser Leben endlich vollkommen wird.
Und irgendwo dahinter steht wieder einer, der sich freut, weil die Kohle in seine Richtung wandert.
Natürlich darf man sich unterhalten lassen. Ich habe überhaupt nichts gegen einen guten Schmäh.
Aber muss denn wirklich alles, was wir konsumieren, nur dazu dienen, uns für ein paar Sekunden zu beschäftigen?
Könnten wir nicht gelegentlich wieder etwas anschauen, lesen oder hören, das unseren Geist tatsächlich in Bewegung bringt?
Deswegen gibt es diesen Blog.
Weil ich meine Gedanken teilen möchte. Weil ich Freude daran habe, Fragen zu stellen. Und weil ich hoffe, dass die eine oder andere Frage vielleicht auch bei dir hängen bleibt.
Du musst mir dabei nicht einmal zustimmen.
Ganz im Gegenteil.
Vielleicht kommst du zu einem völlig anderen Schluss. Vielleicht bringst du mich mit deinen Überlegungen sogar dazu, meine eigene Meinung zu hinterfragen.
Wunderbar!
Aber jetzt interessiert mich doch noch eines.
Wann hast du das letzte Mal etwas getan, einfach weil es dir Freude gemacht hat, jemand anderem damit eine Freude zu bereiten?
Ohne Hintergedanken.
Ohne Gegenleistung.
Ohne die Frage, was für dich dabei herausspringt.
Vielleicht sollten wir damit wieder ein bisserl öfter anfangen.
